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Luftfahrt: Meldepflichten verletzt?
Interview mit Prof. Dr. Henschler, Würzburg
WDR, Dienstag, 24. März 2009 im Ersten
Prof. Dr. Dietrich Henschler, Jahrgang 1924, hat Medizin studiert. Er promovierte 1953 in Würzburg. 1957 habilitierte er am pharmakologischen Institut in Würzburg über Struktur-Wirkungs-Beziehungen und Wirkungsmechanismen neurotoxischer Trikresylphosphate (TCP). Von 1969 bis 1992 war Prof. Dr. Henschler Vorsitzender der Senatskommission zur Prüfung gesundheitsschädlicher Arbeitsstoffe der DFG. Diese Kommission legte eine maximal zulässige Konzentration für Chemikalien am Arbeitsplatz fest (MAK-Wert). Prof Dr. Henschler ist Mitherausgeber eines Toxikologie-Lehrbuchs und zahlreicher Monografien über gesundheitsschädliche Arbeitsstoffe. Nach der Berichterstattung in plusminus am 03.02.2009 hat sich Prof. Dr. Henschler in die Thematik der kontaminierten Kabinenluft eingearbeitet. Am 18. März gab er der ARD dazu ein ausführliches Interview. Hier einige Auszüge:
plusminus: Ist das Einatmen von Trikresylphosphat oder TCP unbedenklich oder bedenklich?
Prof. Dr. Henschler: Ich halte das für bedenklich. Es wird oft argumentiert, dass mit Einatmung nicht das passieren kann, was mit Einnahme durch Speise oder die äußere Haut geschieht. Aber das geht von einer falschen Annahme aus. Tatsache ist, dass nicht das TCP wirksam ist, sondern ein erst im Organismus durch die Bildung von Enzymen entstehender Metabolit, ein Abwandlungsprodukt. Und da spielt es keine Rolle, auf welche Weise das TCP in den Organismus hineingelangt. Es ist so gut fettlöslich, dass es sowohl über die Haut, über die Schleimhäute des Atemtrakts und über den Magen-Darm-Kanal aufgenommen werden kann. Das spielt also keine Rolle.
plusminus: Wieso wird das Problem so unterschätzt?
Prof. Dr. Henschler: Ja, da muss ich beschämend sagen, es sind sogar Fachgenossen von mir, die sich nicht die Mühe machen, genau darüber nachzudenken. Das ist eine Oberflächlichkeit im Denkansatz. Und dann die Behörden: Leute, die Standards - auch Arbeitsplatzstandards - setzen, täuschen sich da auch immer wieder. Und wie ich höre auch die Sachverständigen, die die Probleme in der Luftfahrt zu beurteilen haben.
plusminus: Wurden Ihre Erkenntnisse von 1958 mit Ölherstellern, Militärs oder Regierungen jemals erörtert?
Prof. Dr. Henschler: Die Industrie wusste natürlich sofort Bescheid. Mit denen gab es, auch wenn deren Interesse deutlich wurde, Diskussionen. Sie haben die Ergebnisse dann auch anerkannt. Mit Militärs hatte ich nur einmal Kontakt: Ich wurde nach Marokko gerufen, als es dort 1959 die Massenvergiftung gab. Es waren 10.000 Betroffene. Die französische Regierung hatte mich gebeten, das Produkt anzuschauen, um den Ursachenzusammenhang festzumachen.
plusminus: Und wie kam es zu dieser Vergiftung?
Prof. Dr. Henschler: Es war Triebwerksöl. Das ist auf einem amerikanischen Militärstützpunkt für die dortigen Düsenjäger verwendet worden. Ein Ortsansässiger hat sich ein Fässchen beschafft und dieses mit Speiseöl gestreckt und im Straßenverkauf verbreitet. Notabene gab es 10.000 Opfer, die für den Rest ihres Lebens gelähmt waren.
plusminus: Was kann oder müsste man tun, um den heute in der Luftfahrt davon Betroffenen zu helfen?
Prof. Dr. Henschler: In der Arbeitsmedizin gibt es festgelegte Strategien, wie man vorgeht, um solche Schadereignisse zu analysieren und um zu einer Bewertung zu kommen - vielleicht zur Anerkennung als Berufskrankheit oder aber eben auch, um es zu verhüten. Welche Maßnahmen wir ergreifen sollen, um es zu verhüten? Da ist eine der wichtigsten Vorgehensweisen heutzutage, dass man genau analysiert, also eine chemische Analytik aufbaut, die genau Auskunft darüber gibt, welche Komponenten darin enthalten sind, in welchen jeweiligen Anteilen. Das ist eine allgemeine Strategie in der Arbeitsmedizin. Warum sollte das nicht auch angewendet werden in Arbeitsplätzen in Flugzeugen? Eine der besten Lösungen ist sicherlich die Filterung der Luft. Warum das bislang nicht geschehen ist, ist mir unerklärlich. Die Filterung von kontaminierter Luft ist im heutigen Arbeitsleben ein ganz alltäglicher Vorgang.
plusminus: Wenn Sie heute die zahlreichen Fachveröffentlichungen zu diesem Thema lesen, was sagt Ihnen das?
Prof. Dr. Henschler: Das sagt mir, dass das, was vor langer Zeit schon gefunden worden ist, nicht in vernünftiger Weise erfasst und umgesetzt worden ist.
plusminus: Überrascht sie das, dass TCP in die Kabinenluft von Flugzeugen gelangen kann?
Prof. Dr. Henschler: Mir war bis zu Ihrer Sendung nicht bewusst, wie häufig das doch noch angewandt wird. Natürlich überrascht mich das und zwar auf unangenehme Weise. Ich hätte erwartet, dass nach Kenntnis der Giftwirkung und nach Berichten über Zigtausende, vielleicht sogar Hunderttausende von Opfern in der medizinischen Geschichte, man nach besseren Alternativen gesucht hätte. In meinen Augen gibt es die, man muss sich nur Mühe geben.
Das Interview führte WDR-Autor und Luftfahrtjournalist Tim van Beveren.
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